Dienstag, 9. April 2013

21,0975 km!

Unglaublich aber wahr. Am Sonntag ging ein Traum in Erfüllung. Einer, von dem ich nie gedacht hätte, dass er so leicht zu bewältigen wäre. Und das quasi ohne Vorbereitung. Aber von Anfang an:

Im letzten Sommer packte mich das Lauffieber. Ich ging mindestens zweimal die Woche laufen, und das mehr als 5 km. Da fand ich mich schon großartig. Als ich das erste Mal 10 km am Stück lief, kam ich mir schon wahnsinnig toll vor. :) Meine Beste lief auch. Und da ihre Mutter Marathonläuferin ist (was nie mein Ziel sein wird) und schon an vielen Laufveranstaltungen teilgenommen hatte, ich jedoch nie über die Teilnahme an 5-km-AVON-Frauenlauf oder Team-Staffel hinauskam, meldete ich mich größenwahnsinnig einen Tag vorm 1. Geburtstag meines Sohnes zum Halbmarathon am 7. April an. Rein theoretisch - dachte ich - könnte ich ab Februar wieder draußen trainieren (Laufband ist einfach nicht effektiv für meine Begriffe). Hat ja keiner mit so einem A*******-Winter gerechnet. Und so kam es, dass ich seit Januar tatsächlich 5 mal laufen war... jeweils immer nur 5 bis 6 km. Es war zu kalt, zu glatt, zu dunkel.... die Ausreden sind vielfältig, allerdings muss ich dazu sagen, dass ich mir wirklich nicht leisten konnte, sportverletzungsbedingt auszufallen. Dann wäre zu Hause die Hölle über uns hineingebrochen. Ich machte ab Februar dann Krafttraining und Ausdauer mit P90X. Meine Beste versuchte hin und wieder, mich zum trainieren anzuspornen (sie selbst hielt sich streng an den vorgegebenen Trainingsplan). Je öfter sie mich fragte, je besser sie vorbereitet war, desto bockiger wurde ich. Ich war drauf und dran, den Start abzusagen. Eine Woche vorher packte es mich dann plötzlich, ich wollte. Unbedingt. Ich hatte Riesenlust... und in dem Moment bekam ich einen Schnupfen. Ich zitterte wirklich, ob er sich verziehen würde und... siehe da, er brach gar nicht richtig aus. Ein bisschen schnüffelte und schneuzte ich die ganze Woche über, aber am Tag der Tage hätte mich das nicht abgehalten.

Es war soweit. Sonntag. 6:30 Uhr. Ich schaue aufs Thermometer und traue meinen Augen nicht. -4 Grad!

Der Wetterbericht sagte vorher, dass die Sonne sich gegen 8 Uhr verziehen würde. Nun, zum Glück hat dieser sich, wie so oft, getäuscht. Als meine Familie mich gegen halb zehn zum Start begleitete, waren es noch immer nur 3 Grad, aber die Sonne machte viel mehr draus und glücklicherweise hatte es sich als klug erwiesen, die fehlenden Teile in meiner Laufausrüstung am Tag vorher noch zu kaufen. Ein dünnes Funktionslaufshirt mit langen Ärmeln und eine Laufhose. Meine Garderobe gab alles her, lange Laufhose mit dickerer Schicht an den Beinen, weite Laufhose (geht gar nicht auf die Distanz), dreiviertel Tight, kurze Laufhose... was fehlt? Na klar. Die lange Lauftight. Und das Shirt hatte ich einige Tage vorher bei meiner holländischen Inspiration Kim entdeckt.

Mit meiner Besten, beide aufgeregt, wie nur möglich, standen wir in Startblock E... standen uns beinahe die Beine in den Bauch. Als seien wir nicht nervös genug, mussten wir mehrere Startschüsse von den Startblöcken vor uns ergehen lassen, jedesmal wieder die aufpeitschende Startmusik. Ich war vorher schon völlig fertig. :)

Dann, ganz unwirklich, kommt Bewegung rein. Ich schaue nochmal zum Fernsehturm hoch, mache geistesgegenwärtig ein Foto, blauer Himmel, Berlin, meine Stadt und das wird mein Tag.


Ich gehe es langsam an. Möchte natürlich gern bei meiner Besten sein, sage mir aber, dass sie mit ihrem Lauftraining viel besser vorbereitet ist und sage ihr, sie soll auf mich nun wirklich keine Rücksicht nehmen. Nach 1 km setzt sie sich nach vorne ab, in den Massen verliere ich sie schnell aus den Augen. Ich versuche, ruhig zu bleiben. Unter den Linden ein ganz schönes Gedrängel, die Straßen sind schlecht, ich frage mich, wie die Skater da wohl durchgekommen sind. Neben mir Läufer, die anscheinend Kleingeld in den Taschen haben. Macht mich wahnsinnig. Ich ziehe an, um da wegzukommen, von dem Geklimper. Mache meine Laufmusik an (Bonobo! Perfekt!). Ich ziehe meine Windjacke aus und knüpfe sie mir um die Hüften. Dann ist da das Brandenburger Tor. Es geht auf den schlimmsten Teil der Strecke (im Nachhinein betrachtet, vorher dachte ich, ab dem Schloss Charlottenburg würde es dann doof, aber ich hatte eine andere Strecke vermutet). Der 17. Juni zieht sich wie Kaugummi, ich vermeide, hochzublicken, die schnurgerade Straße würde mich nur entmutigen und so blicke ich immer nach rechts in den Tiergarten und sehe ständig pinkelnde Läufer. Schön ist anders. Lauft schneller, dann schwitzt ihr das aus, denke ich.

Am Bahnhof Bellevue der erste Erfrischungspunkt. Ich zuppele mein Energiegel aus der Tasche, zutsche das pappesüße Zeug, trinke einen Becher Wasser hinterher und gehe ganz entspannt, damit ich nicht aus dem Atemtakt komme. Links nun die TU. Ich mache ein Foto für meinen Liebsten und schicke es ihm. Da vorne ist dann auch schon der Ernst-Reuter-Platz. Mensch, das ging ja doch recht schnell. Ich freue mich noch über die Trommler und erblicke meine Freundin und Kollegin Franzi, die mich anfeuert. Unglaublich, wie das anspornt. Ich biege rechts ab auf die Otto-Suhr-Allee, dem Schloss Charlottenburg entgegen, was mir vorher auf der Karte so weit entfernt schien, jetzt aber gar nicht so weit ist. Neben mir laufen gröhlend zwei Spanier als Batman und Superman verkleidet und singen "Macarena". Ich muss lachen.

Weiter gehts. Die Strecke macht einen Knick nach links... huch, ich dachte, wir müssten noch über die Autobahn, an der Messe lang. Ich hab mich getäuscht. JUHU! Meine Horrorvorstellungsstrecke ist also gar nicht dabei. Am Sophie-Charlotte-Platz bei KM 10 halte ich Ausschau nach meiner Freundin Melle, die evtl. anfeuern wollte. Bei dem Wetterchen (die Sonne knallt mittlerweile und ich ärgere mich, keinen Sonnenschutz aufgetragen zu haben) sollte sie doch da sein, hoffe ich. Und da steht sie wirklich, mit ihrer bezaubernden Tochter und ich halte kurz und hole mir Glücksküsschen ab.

Dann wieder ein Erfrischungspunkt. Es gibt neben Wasser auch warmen Krümeltee. Wie süß und lecker der ist. Herrlich. Das kann ich gut gebrauchen. Eine Minute später: Meine Beste wieder neben mir. Die Freude ist riesig! Wir laufen schweigend nebeneinander her und schon geht es wieder nach links, Richtung KuDamm. Das ging jetzt schnell. Jetzt ist es theoretisch nicht mehr weit. Schließlich sind wir schon wieder unterwegs in Richtung Start/Ziel. Jetzt nur noch durchhalten. Es geht mir gut, ich grinse, ich laufe, ich freue mich. Ist das das Runner's High?

Ich sehe den Mann und Sohn meiner Besten und wir geben ihm unsere eigentlich seit dem Start unnützen Jacken. Ballast weg. Herrlich.

KM 12, KM 13, dann schon der Wittenbergplatz, da ist wieder meine Freundin Franzi! Wie toll! Nun merke ich, dass ich Hunger habe. Ein Erfrischungspunkt kommt... und nach Wasser und Tee gibt es jetzt Bananen. Aaaaaaaaah. Ich bin im Himmel. Könnte schreien vor Freude, bedanke mich überschwänglich bei den Helfern und esse die leckerste Banane meines Lebens. Jetzt gehe ich ein bisschen, es geht Richtung Lützowplatz, der Potsdamer Platz ist nicht mehr weit, gleich kann ich den BahnTower sehen, dann rufe ich meinen Verlobten an, dass er, Mama und die Kinder sich auf den Weg machen können. Jetzt werde ich kribbelig, aber die Beine tun nun auch weh und viel schlimmer: die Zehen. Am rechten Fuß scheine ich Blasen an den Zehen zu haben. Ich will gehen, Kräfte schonen, aber es geht nicht, es tut mehr weh, als laufen. Also laufe ich. Die Kondition ist top, nur die Extemitäten jammern. Am Potsdamer dann wieder Franzi, und meine Freundin Peggy mit Familie. Jetzt laufe ich wieder schneller. Die Streckenhelfer rufen: Nur noch 4 km! Ich laufe an meinem Büro vorbei, grinse immer noch. Es geht auf die Wilhelmstraße, ich beiße, meine Waden tun schrecklich weh, ich will mich dehnen, halte in der Kochstraße kurz an um das zu tun. Wieder links, Checkpoint Charlie. Der Liebste schreibt, sie seien am Haus des Lehrers, linke Seite. Ich will weiter... meine Süßen sehen! Und dann treffe ich meine Beste auf der Leipziger Straße wieder, versuche sie aufzumuntern. Die letzten 3 Kilometer fallen ihr wahnsinnig schwer. Wir gehen ein Stück, aber 2 km vorm Ziel muss ich wieder laufen, meine Füße tun so weh. Ich hoffe, meine Beste hinter mir gibt jetzt nicht auf. Sie macht kurz den Anschein. Aber nein, das wird sie nicht!

Ich schaue nach rechts. Das Standesamt Mitte. :) Weiter, weiter. Nun werden wir von allen nochmal lautstark angefeuert. Es geht vorbei am Alexa, dem Haus des Lehrers, ich schaue und suche und da sind sie, meine Liebsten. Ich renne hin, küsse die Tochter, den Sohn und nun hält mich nix mehr, ich renne renne renne und möchte am liebsten laut lachen.

Bin ich wirklich, wirklich, wirklich so weit gelaufen? Das gibt's einfach nicht! Zeit: 2:33:46!

Der Rest des Tages geht so: Badewanne, blaue Zehen bejammern (Schuhe waren
für die Distanz zu klein), ab ins Bett, beim Inder bestellen, Bauch vollschlagen, wieder ins Bett. Gute Nacht. :)


Eure Ricke















Kommentare:

  1. Liebes, du bist der Hammer. Ich weiß nicht was ich dazu sagen soll, wäre ich da würde ich vermutlich vor Respekt niederknien;) Was eine großartige Leistung und so toll geschrieben.Und der Kalorienverbrauch *lach* da kannst du ja jetzt einen Tag für Daueressen.:)) Liebe GRüße Kristina

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  2. Wowowow!!! Bravo, das liest sich wie ein Krimi!
    Kannst so stolz sein!
    Grüssli melli

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  3. Das hast Du schön geschrieben und ich war echt erstaunt wie unglaublich locker und entspannt Du bei Km 10 aussahst. Da waren einige vor Dir dabei, die sahen aus als ob se jeden Moment zusammenbrechen aber Hauptsache ordentlich geschminkt. Auf jeden Fall haste mich jetzt so gepusht, dass ich gestern abend endlich mal wieder ne Runde gelaufen bin und auch dabei bleiben will. Jawohl! Ricky, das haste gaaaanz toll gemacht. Also ich würd vor Stolz platzen!

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  4. Wahnsinn .... einfach Wahnsinn... und dazu ein wunderbarer toller Bericht!!! Gratulation für diese enorme Leistung!!!! HUT AB

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  5. Tolle Leistung. Gratulation!!!
    LG
    Joanna Maria

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  6. Oh ja, das Lauffieber hatte mich vor Jahren mal im Griff. Und ein Matat.... war mein Ziel. Leider bin ich etwas seit der Geburt meiner Tochter davon abgekommen.
    GGLG nicole

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